Klarheit und Perfektion

Marlene will´s immer genau wissen. Zu 100%. Unsicherheiten? Unwägbarkeiten? Unbekannte Variablen? Gibt´s für sie nicht. Marlene strebt nach vollständigem Wissen in allen Details. Marlene war schon als Kind eines jener Quälgeister, die ihre Eltern mit Warum-Fragen nervten. Als Schülerin entwickelte sie eine Begabung für naturwissenschaftliche Fächer und analytisches Denken. Als Studium wählte sie Technische Mathematik. Ihr erster Job war in einer Forschungseinrichtung für Medizintechnik. Marlene wusste: das Forschen war voll ihres.

Bereits ihr Job-Screening ergab, dass sie außergewöhnlich starke Fachkompetenz besaß. Marlene fühlte sich voll gebauchpinselt, als sie ihre Kompetenzauswertung las: von „hoher Wissensorientierung“ war da die Rede und von „ausgeprägter Konzeptionsstärke“. „Lern- und Lehrfähigkeit“ sprach ihr die Auswertung ebenso zu wie „vorausschauendes, methodisches Denken“ und einen „Hang zum Expertentum“.

Weiter unten in der Auswertung fühlte sie sich weniger gebauchpinselt. Ihre „Umsetzungskompetenz“ sei gering ausgeprägt. Als sie ihren Jobcoach befragte, was das bedeute, war er brutal ehrlich: sie hätte eine „Neigung zum Tüfteln“, sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht und brächte ihre PS nicht auf die Straße. Mit ihrer „Sozialkompetenz“ sei es auch nicht weit her. „Das ist wohl wahr“, dachte Marlene. Ein gutes Buch, eine spannende Vorlesung, ein herausforderndes Gespräch mit ihrem Professor – all das interessiert sie mehr als der Umgang mit Menschen. Wenn sie ganz ehrlich zu sich war, wurde sie von ihren Kollegen bereits mehr als einmal auf ihre „nervige Besserwisserei“ angesprochen. Ansichten zu tolerieren, die von ihrer fundierten Fachmeinung abwichen, fiel ihr schwer. Oft resultierten aus Diskussionen Konflikte, die sie nicht gut managen konnte.  

Woher kam überhaupt dieses Streben nach Klarheit, Ordnung und Perfektion? Marlene konsultierte ihren Coach, der ihr zwei Fragen stellte:

„Was passiert Ihnen, wenn Sie keine perfekte Leistung bringen?“.

Und Marlene musste eingestehen, dass ihr gar nix passieren würde, weil sich alle anderen mit einem geringeren Standard zufriedengeben.

„Für wen hauen Sie sich eigentlich so rein?“.

Und Marlene sah ein, dass sie nach Fachkompetenz strebte, um Bezugspersonen aus ihrer Vergangenheit etwas zu beweisen – und nicht sich selbst.

Ab jetzt stellte Marlene sich diese beiden Fragen immer dann, wenn sie bis spät in die Nacht Probleme wälzte und in Unruhe verfiel. „Diese Fragen haben etwas Entlastendes“, stellte sie fest und lehnte sich beruhigt zurück.

 

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