Der Unterschied zwischen Werten und Bedürfnissen und seine Relevanz für die Organisationsentwicklung

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Als Berater für werteorientierte Organisationsentwicklung bin ich natürlich immer an Wertestudien interessiert. Neulich weckte die von Familienministerin Plakolm in Auftrag gegebene OGM-Studie über österreichische Grundwerte meine Neugier. Die Kernaussage dieser Studie wurde in der nachfolgenden Grafik zusammengefasst und in nahezu allen österreichischen Medien wiedergegeben:

Mein erster Gedanke angesichts dieser Grafik war: „Klarer Fall – eine politisch motivierte ÖVP-Zweckstudie.“ Menschen, denen Werte wie Familie, Selbstbestimmung, Sicherheit und gutes Einkommen besonders wichtig sind, sind im politischen Spektrum doch eher rechts angesiedelt, oder? Wie hätten wohl Grundwerte wie Klimaschutz, Zukunftsperspektiven, Empathie oder Gesundheit abgeschnitten, hätte man mehrheitlich Menschen mit einer gesellschaftspolitisch linken Lebenseinstellung befragt? Oder kann es sein, dass die Umfrage eher im ländlichen Bereich als in den urbanen Zentren Österreichs durchgeführt wurde?

Doch dann denke ich an die Ergebnisse internationaler Wertestudien der letzten Jahre, denen zufolge die meisten Menschen (unabhängig von Sozialisierung und Kulturkreis) ähnliche Angaben machen. Familie, Selbstbestimmung, Sicherheit und Wohlstand sind somit wohl universell gültige Grundwerte. Insofern zeigt diese Studie daher ein „No-na-Ergebnis“.

Mein zweiter Gedanke war, dass die Österreicher:innen ein ziemlich eigennütziges Völkchen zu sein scheinen. „Ich will ein freies, gut abgesichertes und annehmliches Leben führen und von meiner Familie unterstützt werden“ – so könnte man die OGM-Studie ebenfalls lesen. Die Sozialkompetenz oder Gemeinwohlorientierung der Umfrageteilnehmer:innen erscheint hingegen nicht besonders ausgeprägt zu sein. Umweltschutz, Mitgefühl oder der Gedanke, den Kindern eine bessere Welt vererben zu wollen, hätten ansonsten wohl eine höhere Priorität. Doch nicht nur die Österreicher:innen sind eigennützig: die primäre Motivation für menschliches Handeln liegt in der Erzielung eines persönlichen Nutzens. Auch Altruisten handeln ultimativ eigennützig, denn sie helfen nicht um des Helfens Willen, sondern suchen einen persönlichen Vorteil: nämlich Aufmerksamkeit und Anerkennung für die eigene Person. Auch diesbezüglich trifft die OGM-Studie daher keine österreichspezifischen, sondern vielmehr allgemeingültige Aussagen.

Allerdings bin ich kein Politikblogger, sondern beschäftige mich mit Unternehmensführung und Organisationsentwicklung. Was hat also die OGM-Studie mit diesen Themen zu tun?

Eine Studentin hatte mich letztes Jahr in meiner Vorlesung gefragt, was denn eigentlich der Unterschied zwischen Werten und Bedürfnissen sei. Genau diese Frage poppte in meinem Gehirn wieder auf, als ich die Grafik der OGM-Studie betrachtete. „Werden in derlei Wertestudien tatsächlich Werthaltungen abgefragt - oder bloß Bedürfnisse eruiert?“ Der Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen ist keineswegs trivial.

Werte sind sozialisierungsbedingte Lebenseinstellungen, Haltungen und Existenzperspektiven, die der Mensch dauerhaft in sich trägt und – bewusst oder unbewusst – pflegt, um seinem Leben die gewünschte Qualität zu verleihen. Salopp formuliert: Werte sind wichtige Existenzvoraussetzungen, die man bereits besitzt.

Bedürfnisse hingegen stellen Ressourcen für die eigene Existenz dar, die wir ersehnen, weil wir sie nicht im gewünschten Ausmaß besitzen. Wir wünschen uns Sicherheit, weil wir unser Lebensumfeld als unsicher wahrnehmen. Wir sehnen uns nach Gesundheit, weil wir uns krank fühlen. Wir streben Selbstverwirklichung an, weil wir uns durch unsere Lebensumstände eingeengt fühlen.

Der Unterschied zwischen Werten und Bedürfnissen lässt sich somit durch eine Betrachtung der eigenen Ressourcen ausmachen: Werte hat man, Bedürfnisse braucht man.

Werthaltungen sind ein zumeist unbewusster Kompass für unsere Entscheidungen und Handlungen. Sie sind in ihrer Natur eher abstrakt und für unser Wesen langfristig bestimmend.

Bedürfnisse sind grundlegende, körperliche oder psychische Anforderungen, die erfüllt werden müssen, damit wir überleben oder uns wohlfühlen können. Bedürfnisse sind konkreter und emotional stärker wahrnehmbar als Werte. Dies macht sie auch dringlicher: Bedürfnisse drängen emotional verstärkt aus der Tiefe unserer Seele ans Tageslicht, sie wollen sprachlich geäußert oder durch unsere Handlungen befriedigt werden. Aufschub duldet die Bedürfnisbefriedigung nur selten – wenn´s leicht geht, muss sie im Hier und Jetzt erfolgen.

Wie hängen nun Werte und Bedürfnisse zusammen?  Nachfolgend einige Beispiele:

Du hast ein Bedürfnis nach Anerkennung (wie die meisten Menschen). Gleichzeitig hast du Werthaltungen wie Ehrlichkeit, Geradlinigkeit und Redlichkeit verinnerlicht. Du wirst daher wahrscheinlich versuchen, die Anerkennung deiner Mitmenschen durch authentisches Verhalten zu erlangen. Pflegst du hingegen Werte wie z.B. Gewinnstreben, Eigennutz oder Wettbewerb, könntest du versucht sein, dir die Anerkennung deines sozialen Umfelds durch Täuschung zu erschleichen.

Du hast ein Bedürfnis nach Sicherheit (wie viele andere Menschen auch). Dein Wesen ist von Werten wie Friedfertigkeit, Gemeinsamkeit und Gemeinwohl geprägt. Siehst du deine Sicherheit bedroht, wirst du daher eine Lösung mit Kommunikation und Diplomatie versuchen. Pflegst du hingegen Werthaltungen wie Dominanz oder Auseinandersetzung, könntest du versucht sein, deine Sicherheit durch Kampf oder Krieg zu gewährleisten.

Du hast ein Bedürfnis nach Selbstverwirklichung (ebenso wie viele andere Menschen). Du hältst Werte wie Abenteuerlust, Individualität, Risiko und Unternehmertum hoch. Daher wirst du versuchen, deine Bestimmung durch eigenständiges, proaktives Handeln zu finden. Neigst du hingegen eher zu einem gemeinschaftlichen Miteinander und zu Sicherheitsdenken, wirst du deine Selbstverwirklichung möglicherweise in einer Gruppe mit Gleichgesinnten suchen.

Warum jedoch ist diese Unterscheidung zwischen Werten und Bedürfnissen für die Organisationsentwicklung von Bedeutung?

Viele Organisationen halten Werte-Workshops ab, um ihre Ziele zu definieren, ihren Purpose zu finden, einen Rahmen für das gemeinsame Arbeiten abzustecken oder einen Verhaltenskodex zu erarbeiten. Gute Organisationsberater:innen fokussieren ihre Kund:innen in solchen Workshops stets auf die organisationalen Werte, also auf jene Ressourcen, die im Unternehmen tatsächlich vorhanden sind und auf jene Eigenschaften, die dieses Unternehmens bereits kennzeichnen. Gleitet die Diskussion in Richtung organisationaler Bedürfnisse ab, ist Vorsicht geboten. Die Gefahr ist groß, dass dann im Workshop nur mehr über organisationale Defizite, Mängel und Irrwege gesprochen wird. In der Folge kann ein problembehaftetes Gruppendenken entstehen, das den Weg zu Lösungen und Zielen verstellt. Letztendlich kann der Workshop scheitern.

Was können Organisationsberater:innen daher tun, um ihre Kund:innen auf Werte (d.s. im Unternehmen bereits vorhandene Ressourcen) anstatt auf Bedürfnissen (d.s. im Unternehmen noch nicht vorhandene, aber ersehnte Ressourcen) zu fokussieren?

Sie stellen eine einfache Frage an die Workshopteilnehmer:innen. „Woran kann ein Außenstehender erkennen, dass in Ihrem Unternehmen die Werthaltung X (z.B. Teamfähigkeit) wirklich gelebt wird?“ Ist die Antwort ein lähmendes Schweigen, ist es mit diesem Wert wohl nicht weit her. Vielmehr drängt sich der Verdacht auf, dass es sich eher um ein Bedürfnis handeln dürfte.

Die Wertekataloge, Leitbilder und Verhaltenskodices vieler Unternehmen, die ich kenne, beinhalten oftmals mehr Bedürfnisse als Werte. Was ist die Folge für die Arbeitspraxis?  Ein Auseinanderklaffen zwischen Sein und Schein, eine Inkongruenz zwischen Realität und Wunschbild, eine Kluft zwischen Können und Wollen. Eine solche Organisation wirkt somit nicht authentisch und entwickelt in der Folge unter anderem Probleme in der Mitarbeiterbindung und -rekrutierung.

Und was bedeutet das Vorgesagte für Wertestudien wie die von OGM? Um einem Menschen seine Werte bewusst zu machen, bedarf es eines langen, tiefschürfenden Reflexionsprozesses. Ebenso bedarf es einer theoretischen Erklärung, was denn Werte eigentlich sind. Ansonsten ist die Gefahr groß, dass Umfrageteilnehmer:innen im Rahmen einer Blitzumfrage spontan ihre Bedürfnisse äußern. Damit geben sie keine Auskunft über den Status Quo der für sie bestimmenden Grundwerte, sondern lediglich über akut gefühlte, plakativ geäußerte Wünsche und Sehnsüchte für eine bessere Welt.

 

Christoph W. Dietrich, 22.08.2025

 

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