Zwischen Ordnung und Anfeindung

Zwischen Ordnung und Anfeindung - Warum Konfliktkompetenz im öffentlichen Raum zu einer gesellschaftlichen Schlüsselressource wird

 

Gastbeitrag von Mag. Dr. phil. Manuela M. Eder-Riedl

 

Der Strafzettel unter dem Scheibenwischer ist klein – seine Wirkung ist groß. Kaum ein anderes Stück Papier löst in so kurzer Zeit so intensive Emotionen aus: Ärger, Scham, Ohnmacht oder Wut. Für viele Bürgerinnen und Bürger ist er ein Symbol für Kontrolle und Sanktion. Für Straßenaufsichtsorgane hingegen ist er Teil ihres Alltags – und oft der Beginn einer Konfliktsituation.

In meinem Buch „Zwischen Ordnung und Anfeindung – Konflikte und Lernprozesse von Straßenüberwachungsorganen“ habe ich mich intensiv mit genau diesem Spannungsfeld beschäftigt. Die Erkenntnisse daraus sind nicht nur für die Parkraumüberwachung oder öffentliche Sicherheit relevant, sondern für unsere Gesellschaft insgesamt: wir erleben derzeit eine Transformation des öffentlichen Raums – von einem Raum selbstverständlicher sozialer Ordnung hin zu einem emotional aufgeladenen Interaktionsraum.

Ich schreibe darüber nicht aus der Distanz der Theorie allein, sondern aus 25 Jahren Berufserfahrung in der Wirtschaft und über einem Jahrzehnt in leitender Funktion in der Sicherheitsdienstleistung. Wer Verantwortung für Menschen trägt, lernt schnell: Ordnung wird nicht durch Vorschriften hergestellt – sondern durch Beziehung.

Wenn Regeln auf Gefühle treffen

Straßenaufsichtsorgane stehen an einer besonderen Schnittstelle. Sie vertreten staatliche Ordnung – aber sie begegnen individuellen Lebenssituationen.

Für die eine Person ist das Halteverbot eine abstrakte Norm.
Für die andere: die stressige Kinderabholung, der Arzttermin oder der berufliche Druck eines schlechten Tages.

Der Konflikt entsteht genau dort, wo objektive Regel auf subjektive Realität trifft.

Viele Menschen erleben eine Strafe nicht als Konsequenz ihres Handelns, sondern als persönliche Kränkung. Psychologisch betrachtet handelt es sich häufig um eine Bedrohung des Selbstbildes: „Ich bin doch kein Regelbrecher“. Die Reaktion darauf ist nicht Einsicht – sondern Abwehr.

Diese Abwehr richtet sich selten gegen das Gesetz, sondern fast immer gegen die Person, die es sichtbar macht.

Das Straßenaufsichtsorgan wird zur Projektionsfläche für Frustration, Stress und gesellschaftliche Spannungen.

Die Eskalationsspirale im Alltag

In Gesprächen mit Straßenaufsichtsorganen zeigte sich ein wiederkehrendes Muster:

  1. Wahrgenommene Ungerechtigkeit
  2. Emotionale Aktivierung
  3. Verbale Abwertung
  4. Drohung oder Einschüchterung
  5. Nachträgliche Rechtfertigung des eigenen Verhaltens

Bemerkenswert ist: Die meisten Konflikte beginnen nicht mit Aggression, sondern mit einem Gefühl der Kränkung.

Häufig fehlt nicht das Wissen über Regeln, sondern die Fähigkeit, in angespannten Situationen emotional handlungsfähig zu bleiben. Der öffentliche Raum wird damit zu einem sozialen Lernfeld: Hier entscheidet sich, ob Menschen Frustration aushalten, Gesichtsverlust verkraften und Konflikte begrenzen können – oder ob sie eskalieren.

Straßenaufsichtsorgane erleben täglich, dass Konflikte selten am Regelverstoß entstehen, sondern an verletzten Erwartungen: wie jemand angesprochen wird, ob er sich respektiert fühlt oder eine Maßnahme als persönliche Herabsetzung erlebt. Der Streit richtet sich dann nicht gegen die Vorschrift, sondern gegen die wahrgenommene Haltung des Gegenübers.

Lernprozesse auf beiden Seiten

Straßenaufsicht ist daher nicht nur Kontrolle, sondern soziale Interaktion unter hoher emotionaler Belastung. Die Beschäftigten entwickeln dabei Kompetenzen, die in vielen Organisationen erst mühsam trainiert werden müssen:

  • Deeskalation unter Stress
  • situative Gesprächsführung
  • Grenzsetzung ohne Eskalation
  • emotionale Selbstkontrolle
  • Perspektivenwechsel in Sekunden

Gleichzeitig wird auch die Gesellschaft geprüft: Wie gehen wir mit Menschen um, die Regeln vertreten? Wie viel Frustration laden wir bei Einzelpersonen ab, die lediglich eine Funktion erfüllen?

Der Umgang mit Ordnungskräften ist immer auch ein Spiegel unseres Demokratieverständnisses.

Was Führung daraus lernen kann

Als Führungskraft in der Sicherheitsdienstleistung habe ich eine Erfahrung immer wieder bestätigt gesehen: Konflikte verschwinden nicht durch mehr Kontrolle – sondern durch mehr Kompetenz im Umgang damit.

Organisationen investieren häufig in Prozesse, Systeme und Vorschriften, weit weniger jedoch in Kommunikationsfähigkeit unter Druck. Doch gerade dort entscheidet sich, ob aus Spannung Eskalation oder Kooperation entsteht.

Die Arbeitsrealität der Straßenaufsicht zeigt uns exemplarisch, was für viele Branchen gilt:

Zukunftsfähige Organisationen brauchen emotionale Professionalität.

Dazu gehören:

  • Training realer Gesprächssituationen statt theoretischer Leitfäden
  • Reflexionsräume für belastende Erfahrungen
  • Führungskräfte, die psychologische Sicherheit ermöglichen
  • eine Kultur, die Fehler als Lernchancen versteht

Ein gesellschaftlicher Perspektivenwechsel

Wenn wir über Sicherheit sprechen, denken wir oft an Technik, Präsenz oder Sanktion. Doch nachhaltige Ordnung entsteht durch Vertrauen.

Straßenaufsichtsorgane bewegen sich täglich in einem Raum, in dem staatliche Regeln auf persönliche Emotionen treffen. Ihr Arbeitsalltag zeigt uns: gesellschaftlicher Zusammenhalt entscheidet sich in Mikrointeraktionen – im Tonfall eines Gesprächs, im Respekt trotz Differenz, in der Fähigkeit, Spannung auszuhalten.

Vielleicht ist der Strafzettel daher mehr als eine Verwaltungsmaßnahme. Er ist ein Moment sozialer Begegnung – mit der Chance zur Eskalation oder zum respektvollen Umgang.

Welche der beiden Möglichkeiten wir wählen, sagt viel über unsere Werte aus.

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Die Autorin:

Mag. Dr. phil. Manuela M. Eder-Riedl verfügt über 25 Jahre Berufserfahrung in der Wirtschaft, davon über zehn Jahre in leitender Funktion in der Sicherheitsdienstleistung. Als Konfliktcoach beschäftigt sie sich mit Kommunikation, Deeskalation und Lernprozessen in konfliktbelasteten Arbeitsfeldern. Ihr Buch „Zwischen Ordnung und Anfeindung – Konflikte und Lernprozesse von Straßenüberwachungsorganen“ erschien im Februar 2026 im Springer Verlag.

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Dieser Beitrag wurde von Mag. Dr. phil. Manuela M. Eder-Riedl verfasst und Mag. Christoph Dietrich KLARE. ANSAGEN. Unternehmensberatung am 20.02.2026 zur Veröffentlichung überlassen. Für den Inhalt ist die Autorin verantwortlich.

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