Die Börse: faktenbasiert oder emotionsgetrieben?

„Emotionen haben im Geschäftsleben keinen Platz.“ „In der Wirtschaft geht es nur um Zahlen, Daten und Fakten.“ „An der Börse geht es nur um Geld, nicht um Menschen.“

   Wie oft habe ich diese Argumente schon gehört? Viele meiner Studenten bringen diese Vorurteile als Begründung dafür, dass sie lieber in der angeblich empathischen Sozialwirtschaft als in der entmenschlichten, kapitalistischen Realwirtschaft arbeiten.

   Ich teile diese Einschätzungen keineswegs, muss meinen jungen Kollegen aber in Einem Recht geben: tatsächlich sind auch heute noch viele Unternehmer, Führungskräfte und Investoren bestrebt, Emotionen aus dem Business herauszuhalten. Emotionen förderten Konflikte, heißt es. Emotionen seien etwas für Frauen (und die hätten daher auch nichts in Führungspositionen verloren), meinen noch immer einige alte, weiße Männer hinter vorgehaltener Hand. Als ob pure Zahlen-Daten-Fakten-Gläubigkeit jemals etwas zur Konfliktvermeidung beigetragen hätte.

   Natürlich geht es in der Wirtschaft – und besonders an der Börse – primär um Geld. Ohne Geld ist alles nichts in unserer Gesellschaft. Verdient wird es aber vor allem von jenen, die ihre Mitmenschen zu lesen vermögen. Wer Emotionen empathisch erfassen, interpretieren und sein eigenes Verhalten danach ausrichten kann, hat die Nase vorn – oder ist „ahead of the curve“, wie man an der Börse sagt. Der Homo Oeconomicus, der seine Ziele ausschließlich rational ansteuert, ist hingegen eine Chimäre.

Der Homo oeconomicus hat ausgedient

   Dass die Modellannahme des Homo Oeconomicus zu Grabe getragen werden kann, ist vor allem der modernen Verhaltens- bzw. Entscheidungspsychologie zu verdanken. Für Unternehmensführer und Investoren liefert diese Disziplin wertvolle Erkenntnisse in Bezug auf das menschliche Verhalten in wirtschaftlichen Situationen.

   Scharfsinnige Händler und Verkäufer waren zu jeder Zeit kundige Psychologen, die ihr soziales Umfeld zwar nicht akademisch, aber durch Beobachtung studierten. Daher wissen sie, dass Menschen insbesondere in Zeiten der Unsicherheit und Instabilität gerne nach vorhersehbaren Mustern handeln. Auf der Suche nach raschen und vermeintlich vorteilhaften Entscheidungen, die die ersehnte Sicherheit wiederherstellen sollen, begehen sie mentale Abkürzungswege. Sie greifen dabei auf Entscheidungshilfen zurück, die sie sich - eher unbewusst als bewusst - vor langer Zeit zurechtgelegt haben. Ihre Emotionen haben beim Zusammenzimmern solcher Entscheidungskrücken einen wichtigen Anteil.

Die Irrationalität des Menschen ist evolutionsbedingt

   Irrationale Verhaltensmuster werden durch Emotionen wie Panik, Habgier oder Neugierde geprägt und gehören zu unserem normalen, alltäglichen Repertoire in Entscheidungssituationen. Unser Gehirn funktioniert im Wesentlichen auch heute noch wie zu jener Zeit, in der wir noch als Jäger und Sammler lebten. Lauf, wenn alle laufen. Verstecke dich, wenn sich alle verstecken. Schieß, wenn alle schießen. Die Orientierung am Gruppenverhalten war damals der rascheste und einfachste Weg, das biologische und soziale Überleben des Einzelnen zu sichern. Der Impuls, sich unter herausfordernden Lebensumständen auch heute noch so zu verhalten, ist überwältigend und lässt uns gerne vergessen, dass wir auf korrigierende KI-Tools zurückgreifen können, die uns (vielleicht) bessere Handlungsalternativen vorschlagen.

   Ein Verhalten, das in der Steinzeit noch einen Überlebensvorteil brachte, kann in unserer modernen Welt jedoch genau den gegenteiligen Effekt haben und beispielsweise an der Börse zu herben Verlusten des eingesetzten Kapitals führen. Sobald Euphorie oder Panik im Spiel sind, wird es oft gefährlich für das eigene Geld. Der Mensch neigt nämlich nicht nur zur eklatanten Selbstüberschätzung, sondern er trifft seine Anlageentscheidungen mit Vorliebe emotionsbasiert (warum das so ist und was es mit dem sogenannten „emotionalen Erfahrungsgedächtnis“ auf sich hat, erkläre ich ausführlich in meinem Buch "Spannungsfelder im Topmanagement - Ein Praxisleitfaden für gute Corporate Governance").

Der Herdentrieb und seine fatalen Folgen

   Eines der geläufigsten Phänomene, die an der Börse zu beobachten sind, ist der Herdentrieb. Gerade bei der Entstehung von Spekulationsblasen spielt diese Erscheinung eine Schlüsselrolle. In einer Phase stetig steigender Märkte setzt Euphorie und Gier ein und wir neigen dann zur Ansicht, dass unsere optimistische und zuversichtliche Sicht auf einen nachhaltigen Bullenmarkt nichts anderes als zutreffend sein kann – schließlich wird sie auch von den meisten anderen Marktteilnehmern vertreten, was uns in unserem Denken und Handeln bestärkt.

   Viele Investoren lassen sich in Boom-Phasen vom allgemeinen Rausch mitreißen und tätigen rein rational kaum zu rechtfertigende Investitionen. Die gegenseitige, schwarmmäßige Beeinflussung einer Vielzahl von Akteuren kann mitunter kuriose Marktbewegungen hervorrufen, die in keinem Zusammenhang mit der fundamentalen Datenlage stehen und vernünftig nicht erklärt werden können.

   Das wohl größte Problem des Herdentriebs besteht jedoch darin, dass der einzelne Anleger keine Eigenverantwortung für sein Handeln empfindet, sondern die Verantwortung für resultierende Verluste sozialisiert, d.h. einer anonymen Masse an Investoren zuschreibt. Strafrechtlich exkulpierend ist dies wohl kaum und so gab es für so manchen Vermögensverwalter vor Gericht ein unsanftes Erwachen aus seinen Träumen.  

Gruppendenken - ein gefährlicher Konsens

   Neben dem Herdentrieb existieren weitere, sozialpsychologische Phänomene, die verlustreiche Transaktionen an der Börse begünstigen können. Das sogenannte „Group Think“ oder Gruppendenken führt beispielsweise dazu, dass eine Gruppe grundsätzlich vernunftbegabter, fachkompetenter Menschen objektiv unvernünftige Entscheidungen trifft. Auch dieses Phänomen beschreibe ich in meinem Buch, das sich der Entscheidungsfindung in Unternehmensgremien widmet, ausführlich.

   Besonders im Zeitalter der sozialen Medien neigen wir verstärkt dazu, anstehende Entscheidungen einem „Social Proof“, einem sozialen Beweis, zu unterziehen. Wir fragen uns konstant, ob unser Denken und Handeln dem allgemeinen „Sentiment“ entspricht. Wir vergewissern uns zu jeder Zeit, ob andere Menschen unsere Entscheidung wohl ebenfalls treffen würden und atmen erleichtert auf, wenn ihre Begründung der unseren ähnelt.

   Neu ist dieses Phänomen keineswegs, wenngleich es durch die neuen Medien einen enormen Aufschwung erfahren hat. Der Abgleich des eigenen Denkens mit dem unseres sozialen Umfelds hat wohl auch schon an den Lagerfeuern der Steinzeit stattgefunden – wahrscheinlich sogar bereits vor der Ausbildung des Zungenbeins und damit der Sprachfähigkeit. Auch damals wurden Erzählungen, Floskeln, Redewendungen, Ideen oder Visionen durch ständige Wiederholung in einem vertrauten Umfeld verstärkt und so in der Gruppe verankert. Ein beliebtes Narrativ könnte damals gelautet haben: „Gemeinsam sind wir stärker als der Säbelzahntiger.“ Standfest glaubte das Grüppchen an Steinzeitmenschen daran, selbst dann noch, als es dem angreifenden Raubtier Auge in Auge gegenüberstand. Die Macht des gemeinsam erzeugten Narrativs war so stark, dass sich die Gruppe für unverwundbar hielt. Erst als der Tiger ein Mitglied aus der Gruppe riss und mit ihm in der Nacht verschwand, brach der Bann und mit ihm das Selbstverständnis der traumatisierten Hinterbliebenen. Noch lange Zeit nach diesem tragischen Ereignis war die Gruppe orientierungslos, bis sich der Schock legte, die Menschen wieder ans gemeinsame Feuer fanden und sich neue Narrative zurechtlegten.

   Die Chance war jedoch groß, dass das neue Gruppendenken vom alten nur in Nuancen abwich - etwa: „Gemeinsam sind wir stärker als das Mammut.“ Selten wird sich an das Trauma der Tigerattacke ein Lessons-learned-Prozess angeschlossen haben, aus dem eine Risikomatrix hervorging („Welche Risiken gehen wir ein, wenn wir nachts am Feuer kampieren, wie groß sind sie und mit welcher Wahrscheinlichkeit treten sie ein?“). Ebenso wenig wird man strukturierte Abwehrstrategien entwickelt haben („Wenn der Tiger angreift, bewerfen wir ihn mit brennenden Holzscheiten“).

   Was hier vielleicht lächerlich klingt, ist tatsächlich nichts anderes, als wir heute bei Börsen-Crashs oder Unternehmensinsolvenzen beobachten können: Investoren treffen unreflektierte Entscheidungen, ohne eine Außensicht einzuholen – die Sache geht schief – der Schaden ist enorm – alle schauen dumm – keiner lernt daraus – alles wiederholt sich. Das nächste Mal halt mit dem Mammut anstatt des Tigers.

   Was lernen wir aus dieser Geschichte? An den Finanzmärkten ist es beileibe nicht immer von Vorteil, wenn Investoren nur dem Schwarm folgen und sich von aktuellen Trends treiben lassen. Bereits im 19. Jahrhundert wussten clevere Strategen, dass man „kauft, wenn die Kanonen donnern und verkauft, wenn die Violinen spielen“. Diese Handelstaktik will jedoch jedenfalls von einer umfassenden Research begleitet sein. Es gilt, die wichtigsten Risiken in einem kurzen Zeitrahmen zu erkennen, ohne den geeigneten Zeitpunkt für profitables Handeln zu verschlafen.

Authority Bias - unheilvolle Irrtümer von Experten

   Der „Authority Bias“ beschreibt unsere Neigung, Expertenmeinungen und Einschätzungen von Autoritäten ein relativ höheres Gewicht beizumessen als anderen Ansichten – inklusive unserer eigenen. Die Autoritätsgläubigkeit wird uns - noch immer - von Kindesbeinen an beigebracht: den Anweisungen von Eltern, Lehrern oder Ausbildnern ist schlichtweg zu folgen. In unserer postautoritären Welt mag dieses Phänomen vielleicht am Rückzug sein, möchte man meinen. Die 1968-er Bewegung und die antiautoritäre Erziehung seit den 1970-er Jahren hat doch sicherlich dazu beigetragen, dass wir Autoritäten hinterfragen und ihnen nicht mehr blindlings folgen. Weit gefehlt! Der moderne Mensch fühlt sich durch mannigfaltige Lebensoptionen überfordert und durch den Einfluss neuer Medien desorientiert. Gerade deswegen sucht er verzweifelt Autoritäten, die ihm Halt im Leben geben. Der Unterschied zur Nachkriegszeit besteht darin, dass ihm damals Autoritäten vor die Nase gesetzt wurden – heute wirft er sich ihnen freiwillig an den Hals.

   Fachexperten haben es aktuell besonders leicht, als Autoritäten anerkannt zu werden. Warum? Seit geraumer Zeit fallen viele Menschen der Ansicht anheim, dass sämtliche Medieninhalte ohnehin nur mehr „fake“ wären. Wer eine akademische Studie präsentieren kann, wirkt - zumindest in den Augen bildungsaffiner Menschen - ehrlicher und attraktiver als jemand, der bloß seine eigene Meinung kundtut. Ansichten zu äußern, die nicht von dritter Seite faktengecheckt wurden, gilt Bildungsaffinen nämlich als verdächtig, wahrheitswidrig und verwerflich.

   Gänzlich anders verhält es sich jedoch mit bildungsfernen Menschen: auf sie wirken Fachexperten arrogant, besserwisserisch und unverständlich. Influencer und Populisten, die ihre Meinung ungefiltert hinausplärren und sich dabei volksnah geben, wirken auf diese Gruppe hingegen besonders anziehend.

   Kurzum, es steht zu befürchten, dass der authority bias über alle Bevölkerungsgruppen hinweg zunehmend stärker wird. Ich bemerke diesen Trend - getrieben durch Finfluencer oder populistische Politiker - aktuell immer öfter an den Finanzmärkten. Dabei kann das Autoritätsphänomen gerade an der Börse schnell zu schmerzhaften Verlusten führen. Unbedarfte Privatanleger lassen sich gerne von scheinbaren Börsenprofis beeinflussen, die selbst meist nur eine durchwachsene Erfolgsbilanz vorzuweisen haben (wenn sie ihre Investments überhaupt wahrheitsgetreu und transparent offenlegen).

   Ich erinnere mich an eine Vielzahl von Börsen-Hypes, bei denen das Gros der Analysten noch kurz vor den spektakulären Aktien-Crashs vollkommen unwirkliche Kursziele prophezeiten. Anleger, die ihnen blind vertrauten, handelten sich damit oftmals einen nahezu totalen Verlust ihrer Investments ein. „Es gibt keine Fakten, sondern nur Meinungen“, wusste bereits der weise Kriegerphilosoph Marc Aurel. Er impliziert damit, dass Fakten manipulierbar sind und jede Expertenmeinung - sei sie auch noch so gut durchdacht - eben nur eine Meinung von vielen ist. „Errare humanum est“ – dies trifft leider allzu oft auch auf Experten zu.

   An dieser Stelle möchte ich - nachdem ich selbst ehemals in der Finanzbranche tätig war - darauf hinweisen, dass nur wenige Analysten über eine originäre Expertise verfügen. Gerne übernehmen sie unbedacht Einschätzungen von Fachkollegen, die sich im Nachhinein als unzutreffend herausstellen. Damit produzieren sie einen Brandbeschleuniger mit fatalen Folgen für die Anleger.

Achte auf den unsichtbaren Eisberg

   Herdentrieb, Gruppendenken und Authority Bias sind lediglich drei Phänomene aus einem großen Universum an kognitiven Verzerrungen, denen Profis wie Laien gewohnheitsmäßig unterliegen. Unbewusst produziert unser Gehirn derlei Gedankengänge, die unsichtbaren Eisbergen gleich unsere Investitionsentscheidungen auf Grund laufen lassen. Folglich sollten Investoren im Vorfeld jeder Kauf- oder Verkaufsorder ihr Herz in die Hand nehmen, um ihre Handlungsmotive einer gründlichen Reflexion zu unterziehen. Dabei ist es unerlässlich, emotionale Handlungstreiber erkennen und interpretieren zu können.

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