Management-Herausforderungen im Zeitalter der Transparenz

Ein Blick in die sozialen Medien genügt, um mich zu beunruhigen. „In unserem Unternehmen herrscht die totale Transparenz“, stand da kürzlich auf LinkedIn zu lesen. „Wir reden sogar offen über Gehälter untereinander.“ Ein anderer Beitrag forderte vehement die Bloßstellung von Führungskräften mit „narzisstischen Tendenzen“. In einem Video legte ein Geschäftsleiter einen Seelen-Striptease hin, berichtete über seinen Burn-Out und wurde dafür huldvoll mit Likes überschüttet. Er sei so authentisch, und stünde mit seiner Kommunikation für die offene Kultur in seinem Unternehmen.

Alle fordern Transparenz, und alle machen mit. Wir legen uns freiwillig unter den Röntgenapparat und geben in aller Öffentlichkeit Dinge von uns preis, die wir bis vor einigen Jahren nur im engsten Freundeskreis besprochen oder dem Pfarrer gebeichtet hätten. Unser Verhalten in den sozialen Medien gemahnt an die Selbstentblößungen und -bezichtigungen im maoistischen China oder an den Orwellschen Überwachungsstaat. Die Zurückdrängung des Privaten, Vertraulichen und Geheimen hat zum Ziel, alle nackt dastehen zu lassen. Das Ziel? Gleichheit durch Transparenz. Die Forderung nach mehr Transparenz in Politik und Wirtschaft ist Voraussetzung für eine egalitärere, bessere Welt, meinen die einen. Die mitunter gewalttätige Radikalität, mit der diese Forderung erhoben wird, nimmt totalitäre Züge an, meinen die anderen.

Transparenz hat unzweifelhaft viel Gutes. Informationsfreiheit bringt Chancengleichheit, ein „level playing field“. Korruption, Vetternwirtschaft und Machtmissbrauch werden dadurch zurückgedrängt. Allerdings nimmt mit zunehmender Transparenz auch das Misstrauen unter den Menschen zu. Je mehr Informationen uns zur Verfügung stehen, je mehr Skandale und Verbrechen aufgedeckt werden, desto weniger sind wir imstande, einander zu vertrauen. Wir reden uns ein, dass jene Dinge, die transparent gemacht wurden, ja nur die Spitze des Eisberges seien – wer weiß, was noch alles im Verborgenen schlummert. Und wir schreien nach noch mehr Transparenz. Durch die zunehmende Transparenz gelangt eine Vielzahl von Menschen plötzlich an Informationen, die sie mit ihrem Wissens- und Kenntnisstand nicht verarbeiten können. So wird unter anderem der Nährboden für Verschwörungstheorien bereitet.

Dass Transparenz einen derart hohen Stellenwert – ich möchte fast von einer „Mega-Tugend“ sprechen – erreicht hat, liegt an unserer wissensgläubigen Bildungsgesellschaft. Alles muss gewusst werden, nichts darf ungewusst bleiben. Alles muss bewiesen werden, denn nur das spricht für jene Intelligenz, die uns Menschen angeblich auszeichnet. Instinkte hingegen sind etwas für Tiere, und ein Bauchgefühl haben nur dumme Esoteriker. Wissen ist heute wichtiger als Vertrauen, Neugierde bedeutender als Intimität, Kontrolle besser als Glauben. Je mehr wir wissen und dieses Wissen mit anderen teilen, desto mehr Transparenz schaffen wir. Wir erlegen uns allerdings auch den Zwang auf, Fakten zu beweisen – um jene Menschen zu überzeugen, die sie nicht glauben. Allerdings gilt: Je grösser der Überzeugungsdruck, desto stärker der Gegendruck der Andersgläubigen und Misstrauischen. Je zwingender die Beweise, desto widerspenstiger die Reaktion derer, die sie nicht glauben wollen oder verstehen können. Je mehr Fakten auf wissenschaftlicher Basis generiert werden, desto mehr Kontrolle bedarf es. Fakten müssen schließlich evidenzbasiert sein und ausgemistet werden, wenn sich an ihrer Stelle neue ergeben.

Je stärker unser Bestreben nach Transparenz ist, desto wissensgeiler werden wir. Je wissensgeiler wir werden, desto mehr Daten wollen wir kontrollieren. Je mehr Kontrolle, desto mehr Transparenz – zumindest reden wir uns das ein. Und so geraten wir in eine Endlosschleife, in der sich Transparenz und Kontrolle gegenseitig aufschaukeln.

Durch Transparenz bauen wir uns unser eigenes Gefängnis, in dem wir ständig unserem Spiegelbild begegnen. Wir wissen nämlich alle annähernd gleich viel (oder zumindest so viel, dass viele denken, sie seien sich selbst die besten Experten). Wir denken, handeln und fühlen annähernd gleich, sodass wir uns zu einer gleichförmigen Gesellschaft entwickeln, wie es sie noch nie gegeben hat. Und so wird unsere Echoblase immer grösser und vereinnahmt immer mehr Menschen.

Länder werden unregierbar, weil einfache Bürger im Großen und Ganzen den Wissenstand von Politikern erlangt haben (oder es zumindest glauben). Unternehmen können nicht mehr gemanagt werden, da alle Mitarbeiter über einen ähnlichen Informationspool wie der CEO verfügen (oder es zumindest glauben). Wissen ist Macht – und wenn alle gleich viel wissen, sind alle gleich mächtig. Transparenz führt also ultimativ zur hierarchielosen Gesellschaft. Das mag die einen freuen, anderen wiederum gereicht es zum Grauen. Transparenz bringt nämlich auch eine führerlose Gesellschaft hervor, in der sich viele Menschen eine Führungsrolle nicht mehr antun wollen. Führer wollen schließlich die Vorteile des Führens genießen: PolitikerInnen und ManagerInnen wollen anschaffen, befehlen, umsetzen -und für die Machtausübung mit Geld und Anerkennung belohnt werden. Solange moralische und rechtliche Grenzen dadurch nicht missachtet werden, ist das - zumindest für mich - durchaus okay. Wollen wir wirklich die führerlose Gesellschaft, in der jeder Mensch autonom ist und sich bestenfalls in Kleingruppen mit Gleichgesinnten organisiert? Tatsächlich scheint die Studie „Werte in der Arbeitswelt 2020“ diesen Schluss nahezulegen: Autonomie, Selbstbestimmung, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit zählen aktuell zu unseren höchsten Gütern. Wir entwickeln uns zu einer Gesellschaft aus „Ich-Inseln“, die nebeneinander, aber nicht miteinander existieren (s. dazu meinen Blogbeitrag).

Immer mehr Menschen versteigen sich zu der Annahme, sie bräuchten keine Führer. Sie lehnen es ab, dem Einen zu folgen und schließen sich stattdessen einem Kollektiv von Gleichdenkern an. Diese Menschen vertrauen darauf, dass sie in diesen Gruppen gut aufgehoben sind und dort jene Entscheidungen getroffen werden, die für sie gut und annehmbar sind. Sie setzen somit auf die Schwarmintelligenz, die allerdings nur die polierte Seite der Münze ist. Die Kehrseite heißt Schwarmdummheit und ist ein Phänomen, dass mindestens gleich weit verbreitet ist. "Ohne Führung gibt es nur einen Mob [, aber keine Institution]", wird Peter Drucker zitiert.

Die zunehmende Transparenz erschwert jene Art der Führung, die bisher gelebt wurde. Was bedeutet das für unsere ManagerInnen?

Es bedeutet, dass Führungskräfte für die Herausforderungen in einer transparenten Arbeitswelt gestärkt werden müssen. Diese Herausforderungen bestehen darin, dass ihnen heutzutage in hohem Ausmaß Authentizität, Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit und Redlichkeit abverlangt werden (s. Studie „Werte in der Arbeitswelt 2020“). Wieviel darf eine Führungskraft von sich preisgeben, um diese Werte zu verkörpern, und wieviel muss sie für sich behalten, um sich und die Organisation zu beschützen? Wie nie zuvor bedarf es einer kommunikativen Gratwanderung, um als Führungskraft dauerhalt erfolgreich zu sein. Die Führungsaufgaben werden dadurch zusätzlich erschwert, dass ArbeitnehmerInnen vehement Empathie fordern, weil sie diese in ihrem beruflichen Umfeld zur Gänze vermissen. Transparenz bedeutet für sie, dass sie ihre Bedürfnisse und Emotionen auf den Tisch legen, um als „ganzer“ Mensch wahrgenommen zu werden und nicht nur mit dem beruflichen Persönlichkeitsausschnitt. Auch diesem Anliegen ihrer MitarbeiterInnen müssen sich Führungskräfte stellen. Empathisches Verhalten jedoch will gelernt und geübt sein, ansonsten läuft man Gefahr, am emotionalen Glatteis auszurutschen – mit fatalen Folgen für die eigene Karriere oder die gesamte Organisation.

Die Transparenzgesellschaft hat für ManagerInnen daher zur Folge, dass sie an dreierlei Fronten besonders gefordert sind: Sie müssen Authentizität ausstrahlen, Empathie zeigen und ihren Selbstschutz stärken.

 

mod_eprivacy